Mittwoch, 21. Oktober 2009

Wilder Westen im Kiran

Vorgestern bin ich zu Nirmal gegangen, dem Physiotherapheuten, welcher auch Hyppotheraphie macht, um sicherzustellen, dass er Vijay nochmals informiert, dass wir in zwei Tagen mit dem Reiten für die Schulklassen anfangen wollen. Vijay spricht nur Hindi und drum brauche ich Nirmal als Übersetzer. No Problem, macht er. Als ich Nirmal gestern frage, ob mit Vijay alles ok sei für morgen, sagt er nur, ja, ja, er (=Nirmal) wird mitkommen.
Ich bin mir noch überhaupt nicht sicher, ob das dann morgen zu klappen kommt, aber das Schöne daran ist: Es stresst mich überhaupt nicht (mehr!). Indien sei Dank, kann ich solche Ereignisse jetzt viel lockerer annehmen als noch vor wenigen Monaten. Denn erstens kommt es hier anders, und zweitens, als frau denkt!
Am Mittwoch, dem grossen Tag, treffe ich Nirmal um 13h in der Physio (um 13.20h beginnt das Reiten) und er kommt tatsächlich auch gerade mit mir mit zur Farm, um Suraj, das Pferd zu holen. Vijay, der hauptsächlich für das Pferd zuständig ist, ist auf dem Feld, auf dem Traktor - SUPER! Zaumzeug ist nirgends, Nirmal muss den ganzen Weg nochmals zurücklegen (ca. 300m) und das Zaumzeug in der Andachtshalle (?) holen zu gehen. Suraj, der mich nicht wirklich kennt, schnappt immer nach mir, er ist sehr beissfreudig! Als Nirmal wieder kommt, zäumen wir Suraj und machen uns auf den Weg. Es geht nicht lange, steht er mir zum ersten Mal auf die Zehen. Zum Glück habe ich die Flip-Flops gegen die Sandalen eingetauscht, die schützen ja soooo viel besser! Suraj ist sehr frech und schnappt mich, wo er nur kann. Er muss natürlich alle seine "Macken" bei mir ausprobieren, weil wir uns nicht kennen. Von anständig sein, keine Spur. Er ist auch sehr schreckhaft und einfach extrem aufgezogen. Ich habe kein gutes Gefühl, unter diesen Umständen ein Kind auf dieses Pferd zu setzten. Alice's Klasse wäre heute als Erste dran. Es sind 14 Kinder und sie stehen schon voller Erwartung und Freude bei der Andachtshalle bereit. Nirmal merkt auch, dass Suraj heute extreme Flausen im Kopf hat und wir die Kinder so unmöglich auf ihn setzen können. Ich erfahre jetzt auch, dass Nirmal und Vijey zur Zeit keine Hyppotheraphie machen, weil Vijey viel auf dem Feld arbeiten muss. Super, kein Wunder steckt das Pferd voller Flausen im Kopf, voller Power und zu allem ist er auch noch ein Hengst! Ich sage Nirmal, er soll die Klasse informieren, dass Reiten heute zu gefährlich sei, dass wir dies auf später verschieben müssen, wenn das Pferd ruhiger sei. Ich glaube, die Kinder sind schon enttäuscht, sehen aber auch ein, dass es so, wie sich das Pferd aufführt, zu gefährlich wäre. Die Klasse darf als Ersatz das Video anschauen gehen vom Kinderlied über das Holzpferd. Sie werden dann mit den neuen Steckenpferden im November einen Auftritt haben. Die 16 Steckenpferde haben die Hostelgirls und ich übrigens seit einer Woche fertig produziert. Silvia, welche auch noch 3 Tage im Kiran war, hat uns auch noch tatkräftig unterstützt und alle Augen und Ohren angenäht!



Vijay steht dann plötzlich doch noch da! Er hat seine Feldarbeit unterbrochen und ich erkläre ihm mit Händen und Füssen, dass wir unsere Aktion für heute auch abgebrochen haben. Er nimmt Suraj (bei ihm läuft er natürlich ganz brav) und lässt ihn auf der grossen Wiese frei. Aber hoppla, da staunt auch Vijay nicht schlecht, als Suraj im gestreckten Galopp davonsaust, zwischen der Bäckerei und der Näherei hindurch und ward nicht mehr gesehen... Also das war jetzt sehr gefährlich! Ich darf nicht daran denken, was hätte passieren können, wenn ein Kind an den Krücken (oder auch nicht!), auf dem schmalen Weg zwischen Bäckerei und Näherei unterwegs gewesen wäre…
Jetzt erfahre ich von Nirmal, dass Vijay diesen Monat noch mit Feldarbeit beschäftigt ist und wir unser Reiten besser erst im November starten. Das ist doch nett, dass ich das noch erfahre! Also mache ich mich sofort auf die Socken, um alle Klassen, welche diese Woche mit Reiten dran gewesen wären zu informieren, dass diese Woche noch Schwimmen stattfindet. Dann beginne ich meine Listen im Büro umzuschreiben und informiere den Pool-Mann, dass ich nächste Woche noch viel Wasser brauche, und gebe ihm den neuen Plan. So läuft das hier. Zum Glück habe ich es ja geahnt, dass es erstens anders kommt, und zweitens, als geplant… Es war ja bei meinem Schwimmstart genau gleich, drum weiss ich und fühle es ganz genau: Wenn wir dann mal "angelaufen" sind, mit der Reiterei, kommt es dann schon gut, denn das Schwimmen fägt mega, darüber berichte ich euch auch bald!
(Claudia)

Montag, 19. Oktober 2009

Zu Besuch bei Hiralal - Deepwali in Varanasi - Götter

Am Donnerstag, dem letzten Arbeitstag vor Deepwali (die SchülerInnen haben schon heute frei) fahren Louis und ich mit dem Staff-Bus Richtung Stadt. Kurz nach dem Bypass steigen wir zusammen mit Hiralal aus, denn er will uns zeigen wo er wohnt, da wir am Samstag bei ihm zum Mittagessen eingeladen sind. Hiralal arbeitet in der Abteilung Art&Design, ist ein ganz fröhlicher und lustiger Kerl, der immer gern wieder Schweizerdeutsch plappert und auch sonst gerne für ein Schwätzchen zu haben ist.


Bei Hiralal sieht es wirklich etwa so aus, wie ich mir das vorgestellt habe, denn im Vorfeld hat er mir schon ein bisschen von seinem Zuhause erzählt. Unter anderem hat er sich auch überlegt, ob er uns nicht in zwei Etappen einladen wolle, da er nicht sicher sei, ob das Bett zum Sitzen so viele Leute tragen könne. Und tatsächlich erzählt er mir vor ein paar Tagen, sein Bett sei zusammengekracht und musste geflickt werden. Wir sind uns aber gewohnt, auf dem Boden zu sitzen, worauf er uns jetzt alle fünf auf einmal einladet.
Wir trinken etwas, plaudern ein bisschen und ich kann mich noch schnell nützlich machen, indem ich das Stromkabel für den Ventilator mit einem Stecker versehe. Das ist wirklich wieder mal etwas, was wir uns in der Schweiz nicht vorstellen können. Die meisten habe keine Stromkabel wie wir sie kennen: zwei oder dreipolig und zusätzlich noch brandhemmend isoliert. Die einfach isolierten Drähte werden einfach an die Wand genagelt oder hängen lose herum und wenn sogar der Stecker fehlt, dann werden die vorne blanken Kabel einfach einzeln in die Löcher der Steckdose gesteckt. Ich habe das sogar schon bei Bohrmaschinen gesehen?!?!
Beim Verabschieden drücke ich ihm noch ein paar Rupien in die Hand, damit er unseretwegen nicht zuviele Auslagen hat. Er nimmt sie dankend und ohne zu zögern an und sagt nur: "I invite you and you pay..." "You invite us and you cook for us, that's the most important thing", erwidere ich. "We love to come to your house, thank you so much."
Für heute Freitag haben wir bei Antu auf vier Uhr einen extra Transport in die Stadt "gebucht", da ja wieder mal ein Feiertag ist und der normale Staffbus nicht fährt. Unser Bus ist aber wie immer proppevoll, so dass wir kein schlechtes Gewissen haben müssen von wegen "Extrafahrt" für die Ischi family. In Varanasi schlendern wir zuerst noch etwas in Lanka rum. Das Strassenbild hat sich völlig verändert. Überall vor den schon bestehenden Läden stehen lauter Stände mit Götterstatuen, Metallwaren oder Haushaltgeräten. Als wir in einem Laden stehen, merken Claudia und die Kinder nicht einmal, dass wir uns in "unserem" Krishna-Laden befinden, dermassen ist alles überstellt. Die Stände mit den Götterstatuen sind für unsere Kinder natürlich wunderbar, denn sie haben schon lange auf diese Feiertage gewartet, weil sie eben von diesen Götter-Marktständen gehört haben. Gekauft wird aber noch nichts, sie erfragen zuerst einfach mal die Preise, um nicht gerade beim erstbesten Stand zuviel zu zahlen.
Als es schon langsam eindunkelt, machen wir uns auf den Weg zum Assi-Ghat, um noch ein bisschen zu sitzen und dem Treiben auf der Treppe zuzuschauen. Auf einmal sieht Claudia, dass Vinod zusammen mit Hampi und seiner Frau Silvia in der Pizzeria sitzen. Unsere Kinder sind natürlich nicht zu halten und begrüssen diese freudig. Vinod ist mir seiner ganzen Familie da und wir entscheiden uns, einen kleinen "Apéro" zu nehmen. Natürlich will Sämi in der Pizzeria essen, aber die Antwort ist "nahii", denn wir haben uns schon bei unserem Schlummervater Raju zum Abendessen angemeldet und zudem haben wir uns mit den selben Leuten, die jetzt in der Pizzeria sitzen, schon für morgen Samstag zum Abendessen verabredet. So verabschieden wir uns schon bald, gehen zu Fuss zurück nach Lanka, um nochmals Götter anzuschauen und nehmen von dort zwei Fahrrad-Ritschkas bis zu Raju. Schon auf dem Weg erfreuen wir uns an den "weihnächtlich" geschmückten Häusern. Überall leuchten elektrische Lichterketten oder Öllämpchen. Aber wir kriegen auch schon einen Vorgeschmack auf das, was dann am folgenden Tag auf uns zukommt: die ersten ohrenbetäubenden Knaller sind zu hören (Schweizerkracher sind Frauenfürze dagegen). Im schmalen Gässchen lassen unsere Kinder zusammen mit Rajus Sohn Vivek und dessen Nachbarn auch so Dinger knallen. Das kann ja heiter werden am Samstag...
Vor und nach dem Essen schauen wir uns noch einen Trickfilm an und kriegen so noch bildlich mit, was wir schon erzählt gekriegt haben, nämlich die Geschichte, wie Ganesha zu seinem Elefantenkopf gekommen ist. Kurz: Parvati zeugt Ganesha (ohne Zutuns von Shiva), indem sie ihn aus ihrem Arm wachsen lässt. Mit Gangeswasser erweckt sie ihn zum Leben. Parvati will ein Bad nehmen und beauftragt Ganesha niemanden reinzulassen. Als Shiva kommt und Ganesha ihn am Eintritt hindert, wird Shiva dermassen zornig, dass er ihm wutentbrannt den Kopf abschlägt. Um Parvati zu trösten, verspricht er ihr, einen Ersatzkopf zu besorgen und schickt seine Diener los. Diese bringen schliesslich den Kopf eines jungen Elefanten und Ganesha wird mit diesem wieder zum Leben erweckt. So geht das! Natürlich gibt es unzählige Versionen von dieser Geschichte, so wie es im Hinduismus auch unzählige Götter gibt. Ganesha geniesst grosse Popularität, einerseits Dank seinem lustigen Aussehen, aber insbesondere auch Dank seiner wichtigsten Funktion in der Hindu-Mythologie: Er beseitigt Hindernisse, damit sich Wünsche erfüllen.

Zum Frühstück gibt es am Samstag Puri und Sabji - soooo lecker! Wir alle lieben es. Puris werden übrigens aus Mehl, Wasser und Salz gemacht. Im Unterschied zu den Chapatis wird Ghee, geschmolzene Butter, hinzugefügt. Der Teig wird dünn ausgerollt und anschließend in Öl schwimmend gebacken, wobei die Puris sich aufblähen. Dazu gibt es gekochtes Gemüse. Und keiner hätte auch nur einen Cent darauf gewettet, dass unsere Kinder einmal zum Frühstück Gemüse essen würden. Dass Louis für das Mittagessen bei Hiralal ebenfalls Puris "bestellt" hat, stört uns überhaupt nicht.
Mit Rajus Auto-Ritschka fahren wir wieder stadtauswärts. Kurz vor dem Bypass steigen wir aus, kaufen noch etwas Mineralwasser und gehen dann zu Hiralal nach Hause. Der Empfang ist sehr herzlich und wir fühlen uns sofort wohl in Hiralals Familie. Hiralal ist bereits am Kochen und strahlt über das ganze Gesicht. Seine Frau Manju ist sehr hübsch und wie so oft, sehr sehr jung. Auch sie wurde mit etwa dreizehn oder vierzehn Jahren verheiratet. Abishek geht im Kiran in die 3. Klasse, die ältere Tochter Tanu ist gleich alt wie Alice und Sanu ist noch ein ganz kleiner Pfupf, aber schon eine kleine Königin, wie Hiralal betont. Die fünfköpfige Familie bewohnt ein einziges Zimmer in einem, sich im Rohbau befindenden, Haus. Dieses Zimmer ist das einzige, welches schon bezugsbereit ist. Selbst wenn es noch ein zweites fertiges Zimmer im Haus geben würde, die Familie könnte sich dies im Moment nicht leisten. Das ganze Hab und Gut hat in diesen knapp 16 Quadratmetern Platz. Hier ein Einblick, wie die fünf Leben:


Hiralal kocht sehr gerne und er macht das auch für andere Leute. Damit kann er sich etwas weniges dazuverdienen. Pro Mahlzeit zahlen ihm die Leute etwa 5 Rupien (also etwas mehr als 10 Rappen). Ich kann mir kaum vorstellen, dass da noch etwas für ihn rausspringt. "You know, I am a happy man. Inside, in your heart, you have to be happy. There are so many people with a lot of money and they are not happy. Money is not the most important thing." Wie Recht er doch hat...
Es gebe aber schon Momente, in denen er vielleicht nicht so gut gelaunt sei und am liebsten alleine wäre. Das sei etwas schwierig, wenn man nur in einem Raum lebt. Und wenn er nach draussen geht, hat es sicher immer ein Typ, der einen anquatscht. In Indien kannst du wirklich kaum mal für dich alleine sein - das haben auch wir schon festgestellt.
Wir geniessen das vorzügliche Essen, plaudern lange, schauen alte Fotos an und hören uns die dazugehörenden Geschichten an. Ein schöner Nachmittag.




Nach 16 h machen wir uns wieder auf den Weg Richtung Stadt, da wir um 18 h bereits unseren nächsten "Termin" haben. Bei Raju reichts nur schnell für einen Tschai, dann werfen wir uns in Schale, heute ist ja schliesslich Deepwali, und machen uns zu Fuss auf den Weg Richtung Assi Ghat, wo im Bakery-Shop noch eine kleine Puja stattfindet, die für das nächste Jahr Glück und gute Geschäfte bringen soll. Renu, meine Assistentin in der Food Preservation (oder bin ich ihr Assistent??) hat gemeint, es wäre schön, wenn wir auch dabei wären. Das Ganze ginge nur relativ kurz, so 15 Minuten. So haben wir uns entschieden dabei zu sein, obwohl wir ja eigentlich so um sechs - halbsieben im Dachrestaurant des Hotel Temple on Ganges mit Hampi, Silvia, Vinods Familie, Shamal und Tikki abgemacht haben. Wir kommen gerade rechtzeitig zum Bakery Shop, wo Triloki, Amal und Sibylle die Puja vorbereiten. Wie man/frau unten sieht, dürfen wir bei dieser Puja zu Ehren der Göttin Lakshmi eigenhändig mitmachen.


Die Stimmung ist wirklich schön, es riecht überall nach Räucherstäbchen und kleine, selbstgemachte Oellämpchen werden angezündet. - Apropos Räucherstäbchen: Wenn ich zu Hause in der Schweiz mal ein Räucherstäbchen angezündet habe, wollten die anderen meistens fast ersticken daran. Sie fanden es zu intensiv. Hier können sie nicht genug davon kriegen und finden es duftet so gut! Hoffentlich bleibt das auch nach unserer Rückkehr so... - Am Ende der Puja, welche tatsächlich gar nicht so viel länger als 15 Minuten geht, kriegen alle noch Bananen- und Apfelstücke, sowie etwas Süsses, das für einmal wirklich ganz lecker schmeckt. Sonst sind die Süssigkeiten für unseren Geschmack meist zu süss - viel zu süss. Sibylle sagt noch, dass im naheliegenden Handycraft-Shop des Kiran ebenfalls noch eine Puja gemacht wird. Wir sagen spontan zu und gehen auch noch mit. Bereits auf dem kurzen Weg dorthin machen wir wieder Bekanntschaft mit verschiedenem Feuerwerk (mehr dazu später). Wer nun denkt, okay, auch diese Puja wird schnell vorüber sein, hat weit gefehlt. Denn für diesen Shop muss die Puja noch vorbereitet werden und das dauert so seine Zeit...



Das Hakenkreuz mit vier Punkten ist hier sehr oft zu sehen und hat uns anfänglich natürlich etwas verwirrt, assoziieren wir damit doch das Symbol der Nazis zur Zeit von Hitler-Deutschland. Das Hakenkreuz (Svastika) ist aber ein Glückssymbol und in weiten Teilen von Asien verbreitet. Im Hinduismus sind Svastikasymbole seit etwa 5000 Jahren üblich. Hitler hat dieses Symbol missbraucht und für uns Westler zu einem Unding gemacht, dessen Darstellung von Gesetzes wegen oft verboten ist. Eine Vorstellung, die für Asiaten völlig absurd ist. Hier wäre dringend Aufklärung nötig.

Ja, die Vorbereitungen ziehen sich immer wie mehr in die Länge und als ein SMS vom Hotel Temple kommt "Hamare bukh laghi hain" (Wir haben Hunger!). Verabschieden wir uns, noch bevor die Puja angefangen hat und kommen mit über eineinhalb Stunden Verspätung auf der Dachterrasse des Temple an. Zu unserer Überraschung sind nur noch Hampi, Silvia, Vinod und sein Sohn dort, die anderen sind schon gegangen, um selber noch Pujas zu zelebrieren. Sie waren zum Teil auch schon seit fünf Uhr nachmittags da und jetzt ist es kurz vor acht...

Der Gegensatz zum Mittagessen könnte fast nicht grösser sein. Wir sitzen an einem fein säuberlich gedeckten Tisch und werden von Kellnern bedient. Rings um uns herum die beleuchtete Stadt und das Geknalle der Feuerwerkskörper wird immer wilder. Wir sind froh, hier oben einigermassen in Sicherheit zu sein, glücklicherweise hat es sogar ein kleines Dach über unseren Köpfen.
Eine Beschreibung von Deepwali lautet wie folgt: Deepwali ist zusammen mit Holi das grösste Fest des Jahres. Man feiert in Erinnerung an den Tag, als Gott Rama in sein Königreich zurückkam, nachdem er Ravan (einen Dämonen) besiegt hatte. Seit er in jener mondlosen (Neumond) Nacht zurückgekommen ist, zünden die Leute seines Königreichs Lichter an, um ihn willkommen zurück zu heissen. Viele Lichter werden angezündet und eine spezielle Puja zu Ehren von Lakshmi, der Göttin des Wohlstandes, wird gefeiert. Die Häuser werden gründlich geputzt (oft schon Tage im voraus, gefolgt von Neuanstrichen oder Renovationen) und Süssigkeiten und spezielles Essen werden zubereitet. Neue Kleider werden getragen und die Menschen grüssen an Deepwali ihre Freunde oder Nachbarn mit Karten oder Süssigkeiten. Die ganze Stadt ist voller Licht (moderne Lichterketten wie auch traditionelle Öllampen) und Feuerwerk wird gezündet mit grossem Enthusiasmus (with much enthusiasm).

...with much enthusiasm. Dieser Schlusssatz gefällt mir besonders gut. Also, das geht einfach so, dass überall, mitten in der Stadt, in den kleinsten Gässchen, Riesenkracher, Raketen, Heuler etc. abgefackelt werden und zwar oft ohne irgendwelche Vorsichtsmassnahmen. Vom Dach des Temple können wir dem wilden Getue einigermassen geschützt zuschauen. Es ist unglaublich, was da abgeht. Da werden Raketen von Hand gestartet (nach dem Motto: "Schmeiss sie einfach rechtzeitig weg!"), beim Explodieren der Riesenkracher stehen die Leute einfach drum herum und halten sich oft nicht einmal die Ohren zu. Sonnen, welche wir irgendwo aufhängen, damit sie so schön drehen können, werden gezündet, zu Boden geworfen und darum herum getanzt und einmal beobachte ich, wie eine einfach zum einem Fenster rausgeflogen kommt. Dass sich die Leute nicht noch auf die Zuckerstöcke setzen, verwundert mich eigentlich.
Unsere Kinder geniessen das natürlich, schütteln aber wie wir auch oft den Kopf: "Hesch dä wieder gseh, dä spinnt total!!"

So gegen zehn Uhr verabschieden wir uns von Hampi und Silvia. Sie haben es gut, sie können einfach eine Treppe nach unten und ins Zimmer huschen. Wir fünf müssen noch raus in die "Hölle". Da Sämi und Louis unbedingt in Lanka noch nach "Göttern" Ausschau halten wollen, liegt eine Auto-Ritschka nicht drin, da die Distanz zu kurz wäre. Also heisst es zu Fuss gehen. Es gibt folgende Varianten: 1. Gring-ache-u-seckle. 2. Angespannt-bis-in-die-Zehenspitzen-mit-eingezogenem-Kopf-und-laut-fluchend-wenns-wieder-knallt-durch-die-Gassen-gehen. 3. Locker-versuchend-so-zu-tun-als-ob-nichts-wäre-mit-einem-ohm-shanti-und-einem-take-it-easy-i-Bode-abe-schnufe-im-Hinterkopf...
Okay, für Variante 1 waren wir zu müde, die beiden anderen Varianten kamen mit mehr oder weniger Erfolg zum Zug. Auf alle Fälle kommen wir heil, wenn auch nicht alle völlig entspannt in Lanka an. Dort ist langsam Feierabend, einige Stände sind schon weg, andere werden langsam zusammengeräumt. Sämi's favorisierter Stand ist noch halbwegs offen. Am Freitag hätte seine Kahli-Statue 70 Rupien gekostet, heute nachmittag 80 Rupien und jetzt kriegt er sie für 40 Rupien. Das ist ein Schnäppchen! Und so schlagen auch Louis (Familienstatue mit Shiva, Parvati und Ganesha) und Alice (natürlich Ganesha) zu. Glücklich und zufrieden fahren wir mit zwei Veloritschkas zu Rajus House zurück und schleichen uns ins Haus. Für einmal sind wir später dran, als unsere Gastgeber. Noch lange ist das Geballere zu hören, aber irgendwann schlafen alle ein.

Anderntags fahren wir um 10 h mit einem Kiranbus zurück in unser kleines Paradies, wo wir wieder die so geschätzte Ruhe finden. Unsere Kinder nehmen gleich unser Wohnzimmer in Beschlag, richten einen schönen indischen Götteraltar ein und feiern ihre eigenen Pujas. Natürlich mit Räucherstäbchen - die duften drum so gut!
(Rémy)

Sonntag, 18. Oktober 2009

Schischigaga on drs3...

Heute Abend
Sonntag, 18. Oktober 2009, auf DRS3 "weltweit"
zwischen 23 h und Mitternacht:

Telefoninterview mit Rémy

Freitag, 16. Oktober 2009

So wohnen wir! - Ein paar Bilder




Unser Häuschen im Grünen von vorne


Sitzplatz hinter dem Haus - kann bald genützt werden, wenns kühler wird und die Moskitos verschwunden sind...


Wohnzimmer


Louis träumt wohl von einer Stereoanlage oder einem Fernseher - es ist aber nur unser Notstromgerät!


Küche
Neu mit Mäuse- und Rattensicherem Einbauschrank!


Eltern


Kinder
Keine Panik! Sie haben selbstverständlich auch Moskitonetze!


Badzimmer mit WC und Dusche


WC/Bad 2 - Wird kaum benutzt, weil dieser komische WC-Typ zu unhygienisch ist...


Und hier noch zwei verrückte (Möchtegern-)Inder...

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Schlangen

Letzte Woche fahren ich und tschabinder mit dem Velo herum und dann sagt er wir gehen zu jemandem. und das ist auf dem weg zu sangeeta das ist ausserhalb vom Kiran dann geht man links nach vorne und kurz vor dem Tempel geht ein kleines Weglein nach hinten es ist etwa zwei Meter Breit und plötzlich schleicht uns eine Schlange über den weg sie ist etwa 1meter lang. Am Abend fahren wir immer noch herum aber jetzt im Kiran und es hat überall diese Abflusskanäle also einfach so wie ein graben der durchs ganze Kiran geht und manchmal ist er ausgetrocknet und wir Fahren wider herum und da sehe ich doch etwas schlängeln in diesem Abflusskanal und ich sag Snake und er springt vom Sattel und will gerade sehen wo sie hin ist aber er sieht nichts mehr und ich glaube es war die Kobra. Also wen die kleinen 15 cm grossen schlangen auch da zu gehören habe ich schon 5 schlangen gesehen.
(Louis)

Schlangen ,Deepawali und School Dress

SCHLANGEN:
Heute bin ich wieder einmal krank. Ich liege im Bett, da sehe ich die, eigentlich schöne braun-schwarze Kobra, Ich schreie auf! Rémy die Kobra!
Rémy holt die Gärtner, sie kommen, alle mit Stöcken bewaffnet. Und schlagen an das Gärtnerhaus. Doch sie finden sie nicht.
Ich liege deshalb ab und döse weiter. Jetzt wo es mir besser geht, will Ich noch mal schauen ob ich die Schlange noch mal sehe. Ich stehe auf den Steintisch und schaue unters Dach, und sehe tatsächlich die zweite Schlange heute. Ich rufe wieder, diesmal Claudia. Die Gärtner sind natürlich schon hier. Einer schlägt wieder ans Dach und Jetzt fällt sie hinten runter.
Die Kobra war etwa eineinhalb m lang. Und 5 cm breit.
Die andere war auch etwa gleich lang, beige und viel dünner.

DEEPAWALI:
Ich bin wieder krank. Ausgerechnet Heute wo wir nicht schaffen müssen.
Schliesslich ist heute der grösste Feiertag ganz Indiens. Die Schule beginnt erst um 11Uhr - 16Uhr. Zuerst werden alle Tische und Bänke herausgestellt. Dann wird das ganze Schulzimmer überschwemmt und rausgeputzt. dann machen alle super schöne Mandalas aus farbigem Sand und Blumen. Das ganze Kiran ist am Abend voller Kerzen. Sieht wunderschön aus. In der Prayerhall wird Gesungen, getanzt und ein kleines Feuer Ritual gemacht. Jetzt gehen alle Schuler und Schülerinnen nach Hause. Ausser die von den Hostels.

SCHOOLDRESS:
Es sollen ja alle die Meinung sagen.
Ich bin nicht dafür das wir bei uns Schuluniformen einführen. Weill ich finde es nicht schön wenn alle gleich herumlaufen. Ich ziehe ja auch keine Marken Kleider an .Oder nicht viel. Und bis jetzt hat mich noch niemand ausgelacht. Wir haben ja auch ärmere bei uns, aber trotzdem kam bis jetzt noch niemand nackt zur Schule. Weill alle etwas zum anziehen haben.
Ich fände es nicht schön oder gut wenn wir schuluniformen haben.
(Sämi)

Samstag, 10. Oktober 2009

Rückblick auf Id – Plädoyer für Schuluniformen


Heute will ich mir Zeit nehmen, ein Thema anzuschneiden, dass ich schon zwei drei Wochen pendent habe: "Schuluniformen"

Schon im Vorfeld unseres Indien-Aufenthaltes sprechen wir ab und zu darüber, dass Sämi, Louis und Alice im Kiran in die Schule gehen werden. Das wirft für die Kinder natürlich viele Fragen und Bedenken auf, welche inzwischen längst vergessen sind: Ich kann kein Englisch! Ich kann kein Hindi! Wie soll ich mich verständigen? Werden mich die anderen akzeptieren? In welche Klasse komme ich? Ich gehe aber dann nicht alleine in die Schule! Ich will sicher nicht dort in die Schule, wenn ich nichts verstehe! Werden mich die anderen nicht blöd anschauen? Ihr (wir Eltern) kommt dann schon mit uns in die Schule, oder? Was, wir müssen eine Schuluniform anziehen? Ich finde eine Schuluniform eigentlich noch cool und freue mich darauf."
Wie schon in früheren Blogeinträgen berichtet, nehmen wir bereits in der ersten Woche "Mass", und am Independence Day, am 15. August 2009 stehen Sämi, Louis und Alice erstmals in den Schuluniformen da. Louis, der Einzige, der zu diesem Zeitpunkt einigermassen fit ist, steht sogar zur indischen Nationalhymne inmitten der anderen Kinder stramm.

Das Anziehen der Schuluniform ist nur zu Beginn - ein zwei Mal - ein kurzes Thema. Heute ziehen unsere Kinder am Morgen eines Schultages ihre Uniform an, als ob es nie etwas anderes gegeben hätte. Da kommt bei den Jungs höchstens noch die Frage auf: "Soll ich heute das Kurzarm- oder das Langarmhemd anziehen?" "Die kurze oder die lange Hose?" Wenn man sie auf dem Gelände rumspazieren sieht, so fallen sie natürlich ihrer Hautfarbe wegen schon noch auf. Aber auf einen Blick ist dank ihrer Schuluniform erkennbar: Sie sind Teil dieser Schule, Teil des Kirans, Teil dieser Gemeinschaft. Sie gehören hier dazu. Auswärtige BesucherInnen des Kirancenters, seien dies jetzt InderInnen, welche die Dienstleistungen des Kirans in Anspruch nehmen oder Besuchergruppen, die aus Interesse unsere Institution betreten, staunen vielleicht zuerst, dass hier weisse Kinder auf dem Gelände sind. Aber sofort ist ihnen klar, dass diese Schüler und Schülerin des Kirans sind, dass sie hier integriert sind und trotz ihrer Hautfarbe keinen Sonderstatus besitzen.

Am Montag, 21. September 2009 ist "Id". Der Tag des Fastenbrechens der Moslems. Für uns heisst das wieder einmal "holiday". Am Mittwoch darauf wird "Id" in der Schule nachgefeiert, da am Montag ja frei war. Dies obwohl das Kiran ja nicht islamitisch ist. Es ist weder christlich, hinduistisch noch buddhistisch. Und trotzdem oder gerade deswegen, feiert man hier die Festtage kreuz und quer durch die Religionen und zeigt damit, dass man andere Glaubensrichtungen akzeptiert und hier ein Nebeneinander Platz hat und möglich ist. Da finde sogar ich meinen Platz und fühle mich nicht in ein Schema gedrängt.
Schon am Dienstag machen uns die Hostelmädchen darauf aufmerksam, dass für die Id-Feier alle so angezogen kommen können, wie sie wollen. Es herrscht also kein "Schuluniforms-Zwang". Pooja zeigt uns ihr Kleid, welches sie dann anziehen wolle. Sie werde dann ein Kopftuch tragen, damit sie wie eine Muslimin aussehe, das passe zu Id. Auch unsere Kinder freuen sich darauf, ist das doch mal etwas anderes. Und tatsächlich ist es irgendwie anders. Auf dem Weg zur Morgenandacht in der grossen Halle begegnen mir wie immer, die verschiedensten Kinder und begrüssen mich mit einem "Namaste Bhaia" oder "Good Morning uncle". Die Gehörlosen, welche entsprechend auch Mühe mit sprechen haben, falten ihre Hände und nicken mir freundlich zu. Brijesch, der kleine Junge im Rollstuhl, welcher zusätzlich auch noch Sprachschwierigkeiten hat, wirft seine gefalteten Hände hoch über den Kopf und schreit mir ein "Nnsteee!!" entgegen, dabei strahlt er bis über beide Ohren. Selbstverständlich grüsse ich immer zurück. Die paar Meter zur Halle sind jeweils ein kleiner "Namaste-Marathon", der mir aber überhaupt nichts ausmacht. Am Morgen früh schon so viele glückliche und freundliche Gesichter zu sehen, ist wirklich wunderbar und hilft mir immer, den neuen Tag zufrieden und positiv anzugehen. Oft ist das glückliche und freundliche Lächeln aber nur Ausdruck der Freude über unsere kurze Begegnung, vorher und nachher haben viele Kinder einen "Krampf" mit sich selber, schleppen sich mühsam vorwärts, sei dies an Krücken, mit Gehhilfen oder im Rollstuhl. Und trotzdem, ein Lächeln ist immer zu haben und es kommt von Herzen.
Aber zurück zum Thema. In der Morgenandacht wird mir so richtig bewusst, was heute anders ist. Da sitzt vorne in der Vorsinggruppe ein gemischter Haufen individuell angezogener Kinder, dasselbe Bild in den Reihen neben mir. Und ich merke, dass ich diese Kinder mit ganz anderen Augen anschaue als sonst. Irgendwie fehlt es mir bei diesem Anblick an Harmonie. Ist es reine Bequemlichkeit? Ist es einfach praktischer, wenn alle gleich angezogen sind? Wieso macht mir das jetzt so Mühe? Da sitzt einer im trägerlosen Shirt mit irgendeinem aufgedruckten Spruch auf der Brust in der Vorsinggruppe und ich merke, dass er für mich irgendwie nicht dorthin passt. Ich spüre, wie ich ihm anhand seiner Kleider unbewusst einen Stempel aufdrücke. Währenddem ich die Kinder vorher anhand ihres Ausdruckes, ihrer Stimme, ihrer Gestik, ihrer Mimik, ihres Verhaltens wahrgenommen habe, drängt sich nun das Äusserliche derart nach vorne, dass im ersten Eindruck die anderen Werte gar keinen Platz mehr finden und nach hinten gedrängt werden. Ich erahne bald einmal, wer zu Hause wohl etwas mehr und wer etwas weniger oder gar kein Geld zur Verfügung hat. Oder ist es nur ein Blenden der Kleidung? Einige kommen wirklich schick daher. Andere sitzen ebenfalls individuell gekleidet da, aber "schick" wäre wohl das falsche Wort. Und da ist noch diejenige Gruppe, welche trotzdem in der Schuluniform erscheint. Da wird der Unterschied ganz deutlich. Es sind wohl diejenigen, für welche die Schuluniform die "schickste" Kleidung ist. "Kleider machen Leute" oder besser "Kleider machen Klassenunterschiede". Dank der Schuluniform fallen diese Kinder, welche sie auch heute tragen (müssen), im Schulalltag weder auf noch ab. Es hat etliche Kinder, deren Eltern wahrscheinlich sehr froh sind, dass es diese Schuluniform gibt, dass die Kinder wenigstens diese zum Anziehen haben. Wenn ich am Donnerstag jeweils den Jungs, welche in der Physiotherapie Schwimmen gehen dürfen, beim Umziehen helfe, hat praktisch keiner Unterwäsche an. Dazu fehlt das Geld. Sie tragen einfach Schuluniformhemd und –hose, darunter sind sie nackt. Und trotz ihrer Armut können sie mit Würde und ohne ausgelacht oder ausgegrenzt zu werden zur Schule gehen, fühlen sich als ebenbürtiges Mitglied und können sich mit der Schule identifizieren. Schuluniform sei Dank! In der Stadt kann man immer wieder Gruppen von SchülerInnen sehen, die auf dem Weg zu oder von der Schule sind. Alle tragen die Uniform ihrer jeweiligen Schule. Sie sind als SchülerInnen sofort zu erkennen. Die Jungs müssen keine Marken-Hosen (Typ "Hosenscheisser") in den Kniekehlen tragen, um dem "Uniform-Zwang" des momentanen Modetrends zu genügen und auch die Mädchen dürfen als solche erkannt werden und müssen sich nicht auftakeln und so tun, als ob sie schon längst aus dem Schutzalter wären.
Die einzige Kleidervorschrift, die es in der Schule braucht, ist das tragen der Schuluniform. Und diese bietet relativ wenig Interpretationsspielraum. Da kann man sich als Lehrperson auf das Wesentliche, aufs Unterrichten konzentrieren und muss sich nicht mit Fragen wie "Dekolletee zu tief?", "Stringtanga sichtbar?",
"Gewaltverherrlichendes Emblem?", "Rechtsextremes Symbol oder nicht?" herumschlagen. Ich erinnere mich an Situationen wie diese, als ich einmal ein Mädchen ans Lehrerpult rief. Als sie neben mir stand, sagte ich ihr, sie solle sich ihre Hose hochziehen, was sie dann auch etwas verlegen machte. Als sie dann fragte, was ich von ihr wünsche, sagte ich: "Das ist eigentlich schon alles. Danke." Man mag das als AussenstehendeR als lustige, kleine Anekdote sehen. Aber es sind genau diese kleinen Dinge, die an der Substanz zehren, die Zeit kosten, die Konfliktpotenzial haben und eigentlich gar nicht nötig wären und vor allem gar nicht in die Schule gehören. Die Schule hat nun wirklich genügend andere, weiss Gott nicht einfache Aufgaben zu lösen! Das ganze Affentheater um die Kleider, würde dann dort landen, wo es auch effektiv hingehört - nach Hause nämlich. Auch dort würde einiges an Konfliktstoff verschwinden, wenn frühmorgens einfach klar wäre, was angezogen werden muss. Nämlich die Schuluniform. Klar würden Schuluniformen nicht sämtliche Kleiderdiskussionen aus dem Weg schaffen, schliesslich gibt es ja auch noch ein Leben neben der Schule, aber es würde vieles erleichtern, würde viele Zwänge aus dem Weg schaffen und die Kinder und Jugendlichen würden sicher keinen Schaden nehmen, sondern lernen, Teil einer Gemeinschaft, Teil einer Institution zu sein und sich mit dieser bestmöglich zu identifizieren. Sie würden ihre Freunde und Freundinnen nicht einfach anhand von Carhart, O'neill, Quicksilver, Zimtstern, Fubu oder Tommy Hilfiger aussuchen und andere deswegen nicht ausgrenzen oder auslachen, sondern sie würden vermehrt auf andere, sogenannte innere Werte achten. Werte, die diesen Namen auch verdienen. Die Identifikation mit der Schule würde sicher auch nur Positives bewirken. Plötzlich gehört man zu einer Schule, zu einer Gruppe, sieht vielleicht sogar die Schule nicht einfach als störendes Element, sondern merkt schon bevor man die Lehre antritt (sofern man eine Lehrstelle findet), dass das eine gute, lebenswichtige Sache ist, von der man profitieren kann.

Sämi, Louis und Alice haben alle auch gerne schöne und individuelle Kleider an. Auch sie stehen vor dem Spiegel und sind teils sehr sehr wählerisch. Das gehört dazu. Aber sie können das tipp-topp in der Freizeit ausleben. Das reicht ihnen vollkommen und sie sind froh, müssen sie dieses Prozedere nicht noch zusätzlich für die Schule machen. Louis meint sogar, er möchte dann zu Hause in der Schweiz auch eine Schuluniform, es müsste dann aber schon eine schöne sein, so eine wie hier im Kiran, die gefalle ihm. In der Stadt hat er schon andere gesehen, die ihm nicht so gefallen haben. Es muss ja nicht unbedingt eine mit Krawatte sein, wie es hier in Varanasi auch zu sehen ist (die Banker lassen grüssen...).
Ich bin überzeugt, dass man Schuluniformen kreieren kann, welche stilistische Varianten zulassen, so dass sie auch von verwöhnten, nach Individualität schreienden TrägerInnen, welche in der Schweiz die Schule besuchen, akzeptiert werden. Klar würde es am Anfang ein Riesengeschrei geben und viele würden denken, dass sei jetzt endgültig das Ende jeglicher Freiheit. Aber das kennen wir doch schon vom Rauchverbot her. Für ein paar Wenige ist das noch ein Problem, die Anderen haben sich mit der Situation abgefunden. Die Meisten davon wissen die neue Lebensqualität sogar zu schätzen, selbst wenn sie immer noch RaucherInnen sind.

Im Kanton Solothurn und auch anderswo gab es schon politische Vorstösse bezüglich Schuluniformen. Ehrlicherweise gebe ich zu, dass ich keine Freude daran hatte. Für mich waren diese Vorstösse zu sehr parteipolitisch und populistisch motiviert, zudem kamen sie für mich meist aus der falschen Ecke, von krawattierten, sich profilieren wollenden, ständig grinsenden oder auf den Tisch hauenden Menschen, die permanent im Rampenlicht stehen wollen.
Et voilà! Und schon ertappe ich mich wieder beim Interpretieren und Einstufen von Leuten anhand ihres Aussehens (Kleidung), ihrer politischen Parteizugehörigkeit, ihrem Foto in der Zeitung etc.
Vielleicht könnte ich diese Ideen eher akzeptieren, wenn sie von Leuten kämen, die nur in den Unterhosen dastehen. Aber nein! Diese wären dann ja wieder von Carhart, Tommy Hilfiger, Calida oder so. Dann doch lieber "füdliblutt"!
Und so wären wir wieder bei den kleinen Knöpfen beim Baden, welche dank der Schuluniform nicht abfallen. Und keinen stört es, dass sie kein Geld haben, um sich für drunter Unterhosen zu kaufen...
(Rémy)