Sonntag, 27. Dezember 2009

Leben und Sterben an den Ghats von Benares (Varanasi)

Nach der Weihnachtsfeier im Kiran fahren Sämi und ich mit dem Staff-Bus bereits um 14.00 h in die Stadt. In Lanka steigen wir aus. Bablus Früchtestand sieht ganz anders aus als sonst. Vor ein paar Tagen kam die Polizei und veranlasste, dass das alte Gerüst, welches als Dach für die Marktstände diente, wegen eines Neubaus, der dahinter entstanden ist, abgerissen wird. Das gab ziemlich Aufruhr und in der Verzweiflung und aus Angst, die ganze Existenzgrundlage zu verlieren, habe sich ein Gemüsehändler sogar mit Benzin übergossen und angezündet. Jetzt stehen die Marktstände einfach etwas näher an der Strasse. Tragisch finde ich vor allem, dass dieser Mann, wohl wegen eines Kommunikationsproblems sterben musste. Gut, wer weiss, vielleicht dürfen die Stände nur vorübergehend dort stehen bleiben und müssen dann trotzdem einmal weichen. Solche Geschichten gehen auf alle Fälle unter die Haut.
Wir machen uns zu Fuss auf den Weg zum Sankat Mochan Tempel (Schrein des Affengottes Hanuman). Sankat Mochan bedeutet soviel wie "von Leiden befreien" und jeden Dienstag und Samstag besuchen Tausende von Gläubigen diesen Tempel und stellen sich in die lange Schlange, um zu Hanuman zu beten und ihm Opfer zu bringen. Das mit Dienstag und Samstag erfahren wir erst im Nachhinein und natürlich... heute ist Dienstag! Nach zwei drei Extrakurven, welche uns dank der milden Nachmittagssonne nichts ausmachen, finden wir den Tempel, geben Fotoapparat und Handy ins Schliessfach und machen uns auf zum Eingang. Die Eingangsstufen berühren wir mit unserer rechten Hand (tief gläubige Inder legen sogar die Stirn auf jede Stufe) und passieren dann die Sicherheitskontrolle. Drinnen angekommen hat es nebst sehr vielen Leuten, auch sehr viele Affen, welche kreuz und quer rumrennen. Unsere Schuhe deponieren wir bei einem der vielen "Schuhwächter" und gehen dann weiter um zu schauen, "was zu tun ist". Es sind wirklich sehr viele Leute hier, die in drei langen Schlangen anstehen. Eine mit Frauen, die anderen zwei mit Männern. Praktisch alle haben eine kleine Kartonschachtel und Blumenkränze in der Hand. Im Tempel drinnen hat es Stände, wo man Süssigkeiten und Blumen kaufen kann und das machen wir schliesslich auch und stellen uns in die lange Schlange, die sich nur zögernd und stossweise vorwärts bewegt. Zwischendurch hört man immer wieder, wie jemand etwas laut sagt, wahrscheinlich "Gott ist gross" oder "Ehre sei Hanuman" oder so ähnlich und fast alle stimmen dem dann lautstark zu, so dass es in den Hallen eindrücklich widerhallt "Hare hare!". Je näher wir zum Schrein (Altar) kommen, desto mehr spitzen wir unsere Ohren und schärfen unseren Augen, blicken links und rechts, um zu erfahren, was wir denn eigentlich tun müssen, wenn wir dann vorne angekommen sind. Kurz bevor wir dort sind, sehen wir, dass die Leute Geldscheine entweder in der Hand oder in der Kartonschachtel haben. Schnell klaube ich einen 10-Rupien-Schein aus der Hosentasche und stecke ihn unbemerkt in unsere Süssigkeiten-Box. Je näher wir kommen, desto grösser wird das Gedränge und dann geht alles ganz schnell: die Blumen kommen auf den Altar, die Rupien werden rausgenommen, die Box kriegen wir zurück, dann gibt es noch geweihtes Wasser in die rechte Hand, welches ich dann auf mein Haupt tropfen lasse (habe ich kurz vorher bei einem Inder abgeschaut), wir kriegen unser Bindi auf die Stirn und dann geht es rückwärts gehend zurück, die letzte Stufe vor dem Schrein wird nochmals berührt und dann ist's vorbei.
Sämi und ich entscheiden uns wieder zu gehen, da der Tempel wirklich sehr voll ist und nicht unbedingt zum Verweilen anregt. Und schliesslich sind wir ja auch schon eine ganze Weile in der Schlange gestanden. Ein paar Süssigkeiten füttern wir den Affen, welche aber nicht grossen Appetit verspüren. Es scheint, als haben sie ihre Bäuche des grossen Andrangs wegen schon voll geschlagen.
Zu Fuss gehen wir wieder nach Lanka, wo wir uns mitten auf der Kreuzung, zwischen Verkehrslärm und Strassenarbeiten eine Lassi gönnen. Lassi ist ein typisch indisches Joghurt-Getränk, das man als Nicht-Inder wohl besser nicht einfach überall auf der Strasse kauft. Wir haben uns aber über diesen Lassi-Stand informiert und schon vorher ohne nachherige Probleme davon gekostet.
Frisch gestärkt machen wir uns auf zum Assi-Ghat, wo wir die Pizzeria links stehen lassen, weil wir den Ghats entlang flussabwärts Richtung Godowlia spazieren wollen. Die Spätnachmittagsstimmung ist immer noch schön, jedoch gehen die Temperaturen schon merklich zurück, da die Sonne schon tief steht. Wir montieren unseren Faserpelze und staunen ob der vielen Knaben und auch jungen Männern, welche Drachen steigen lassen. Es geht nicht mehr lange und da wird am 14. Januar 2010 Makar Sankranti gefeiert, der Tag an dem es in ganz Indien zum grossen Drachenfliegen kommt. Die Drachen sind ganz einfach, kosten nur 1 Rupie (ohne Schnur), schweben teilweise aber ein paar Hundert Meter entfernt und relativ flach über der Mutter Ganges.
Langsam kommen wir in die Nähe des Harishandra Ghat, einem der beiden Verbrennungsorte am Ganges. Ich frage Sämi, ob er sich das Anschauen wolle. Er bejaht. Schon aus einiger Distanz sehen wir, dass heute Einiges los ist. Es brennen etwa vier Feuer gleichzeitig. Wir lehnen an einem Geländer und schauen interessiert zu. Die Stimmung ist eindrücklich. Da auf einmal entdecke ich nur wenig von uns entfernt ein kleines weisses Bündel am Boden liegen und ein paar Leute die drum herumstehen. Mir wird sofort klar, dass es sich da um ein totes Kind handelt. Kurz darauf kommen drei Frauen dazu, kauern sich um den Leichnam und lassen lautstark ihrem Wehgeschrei, ihrem Schmerz freien Lauf. Mir schnürt es dabei die Kehle zusammen und ich muss ein paar Mal tief durchatmen. Normalerweise dürfen Frauen nicht direkt an die Verbrennungsstätte kommen, sondern sie müssen etlichen Abstand halten. Teils wird gesagt, dies sei des Wehgeschreis wegen und weil es für sie zuviel sei. Eine andere Begründung liegt darin, dass sich Frauen früher aus Verzweiflung auf den brennenden Scheiterhaufen ihres Ehemannes geworfen haben, um sich bei lebendigem Leibe selbst verbrennen zu lassen. Bei Kindern scheint das anders zu sein. Die drei Frauen werden geduldet, das Wehklagen durchdringt Mark und Bein. Ich erkläre Sämi, dass das Kind nicht verbrennt wird. Kinder unter zehn Jahren, wie auch schwangere Frauen, Menschen, die durch den Biss einer Kobra getötet wurden und Sadhus (heilige Männer) gelten als rein und müssen nach hinduistischem Glauben nicht durch das heilige Feuer gereinigt werden. Trotzdem werden sie dem heiligen Fluss, der Mutter Ganges übergeben. Sämi staunt darüber, dass die Männer ihre Gefühle so gut im Griff zu haben scheinen. Aber kaum hat er das gesagt, beginnt auch einer der Männer, wahrscheinlich der Vater, lautstark zu weinen.
Eine grosse Steinplatte wird gebracht und der kleine Leichnam wird darauf gehoben. Zwei Männer binden ihn mit Seilen sorgfältig und fest an die Steinplatte. Plötzlich kippt der Kopf des Kindes seitwärts - mich schaudert. Ein Zeichen, dass da wirklich ein kleiner Mensch in dieses Tuch gehüllt ist. Obwohl es mir ja von Anfang an klar ist, fährt mir diese Bewegung des Kopfes in die Glieder. Die Frauen müssen nun endgültig Abschied nehmen. Die Steinplatte mit dem Leichnam wird vorsichtig auf das Heck eines Ruderbootes getragen. Der Vater und ein anderer Verwandter besteigen das Boot ebenfalls. Sie haben Mühe, es scheint fast, als würden sie das widerwillig machen. Sie wissen, was dieses Einsteigen auf dieses Boot für eine Bedeutung hat. Ihnen zittern die Knie. Der Vater setzt sich und sinkt in sich zusammen. Langsam gleitet das Boot mit dem Leichnam vom Ufer weg. Wir schauen dem Boot nach, immer noch mit trockener Kehle. Das Heck mit dem Leichnam schaut immer noch in unsere Richtung. In der Mitte von Mutter Ganga angekommen, dreht das Boot und kommt zum Stehen. Kurz danach schiebt der eine Verwandte die Steinplatte über den Bootsrand und übergibt den kleinen leblosen Körper dem heiligen Fluss.
Das Boot nimmt wieder Kurs auf das Ufer zu und nach kurzer Zeit steigen alle wieder aus. Nachdem der Junge, welcher das Boot gerudert hat, sein Geld gekriegt hat, geht er zurück aufs Boot und widmet sich seiner eigentlichen Hauptbeschäftigung für heute, er lässt seinen Drachen steigen. Die Verwandten weinen am Ufer immer noch um das verstorbene Kind. Und da nehmen sich plötzlich Mutter und Vater weinend in die Arme - in aller Öffentlichkeit. Etwas, was ich bis jetzt in Indien noch nicht gesehen habe. Es tut gut.
Kurz darauf gibt es noch eine lautstarke Diskussion um den Preis für die letzte Bootsfahrt des Kindes. Der Bootsjunge befestigt seinen Drachen am Boot und klaubt aus der Hosentasche gleichgültig ein paar Rupien. Wahrscheinlich hat er das Rückgeld noch nicht ausgehändigt. Dann widmet er sich wieder seinem Drachen. Die paar Trauernde gehen ihres Weges und steigen die Treppen des Ghats empor.
Auch wir gehen ein bisschen weiter, etwas näher zu den Feuern, aber trotzdem noch mit Respekt zollendem Abstand. Ich erinnere mich kurz an den Artikel aus "Das Magazin", welcher ich im Blog vom 3. August 2009, erwähnt habe, und in welchem so völlig überrissen über die "verrückteste Stadt der Welt" geschrieben wurde. Es steht da "Varanasi ist der schrecklichste Ort der Welt. Es ist viel zu heiss. Es ist zu laut. Es stinkt. Hier sind viel zu viele Menschen. Hier werden öffentlich Tote verbrannt. Überall ist Scheisse. Hundescheisse, Kuhscheisse, Ziegenscheisse, Affenscheisse, Menschenscheisse. Und Abfall. Und Dreck. Man wird belogen und betrogen und abgezogen. Der Strom fällt täglich mehrmals aus. Es gibt keinen Alkohol. Irgendwann kriegt man hier unweigerlich Durchfall. Und trotzdem ist es so schön, dass man sich freut, schlafen zu gehen, weil es bedeutet, hier wieder aufwachen zu können." Ich finde diesen Stil reisserisch. Aber scheinbar müssen Artikel in unseren Hochglanzblättern so geschrieben werden, damit sie überhaupt noch Beachtung finden.
Praktisch stumm schauen wir den Feuern zu, nur ab und zu wechseln wir ein paar Worte. Es ist ein Durcheinander von Menschen und Tieren, von Kindern und Erwachsenen, von Trauernden und drachensteigenlassenden Lachenden. Und trotzdem stimmt für mich das Ganze. Hier ist Leben und Sterben so nahe beieinander, wie es eigentlich auch sein sollte. Bei uns ist der Tod, das Sterben ja eigentlich immer noch so etwas wie ein Tabu. Man stelle sich einmal vor, an einer Beerdigung würden Kinder nebenan Drachen steigen lassen. Ich erinnere mich noch, wie wir in Kriegstetten den Kindern jeweils verbieten mussten, den kürzeren Schulweg über den Friedhof zu nehmen, wenn gerade eine Beerdigung stattfand. Und wenn ich mir dann vorstelle, dass ich vielleicht einmal ganz alleine in einem anonymen Krematorium von Menschen, denen ich überhaupt nichts bedeute in einen Ofen geschoben werde? Da wird mir irgendwie komisch zu Mute. Viel schlimmer wäre da nur noch ein Begräbnis ohne Verbrennung und die Vorstellung dann von Würmern... aber lassen wir das. Ich wünschte mir auf alle Fälle viel lieber an den Ghats der Ganga oder meinetwegen am Ufer der Emme oder der Aare im Beisein meiner Familie verbrennt zu werden. Forget it! Die Schweiz ist da viel zu sauber und das würde doch stinken! Stinken? "Über der ganzen Stadt hängt der süssliche Gestank des Todes", habe ich auch mal irgendwo über Varanasi gelesen. Ich finde, es stinkt überhaupt nicht. Es riecht. Und entweder ist man offen für solche Gerüche oder man bleibt besser gleich zu Hause, eingehüllt in einer parfümierten Wolke aus künstlicher Hygiene, die nichts mit natürlichen Gerüchen zu tun hat. Und nach dem Stuhlgang schnell die Spülung betätigen, das Wasser färbt sich dank der WC-Ente tiefblau und dann noch schnell die Luft mit einem Air-Spray bestäuben, so dass ja niemand merkt, dass man sein Geschäft erledigen musste. Dabei müssen doch alle! Und bei allen stinkt es. Manchmal mehr, manchmal weniger...
Und übrigens finde ich den Duft eines frisch "bschüttenden" Feldes herrlich. DAS IST HEIMAT!! Okay, wenn Bise herrscht und die ätzende Schweine-Bschütti von ennet dem Bleichenberg dir fast die Nase zuteert, dann schliesse auch ich Fenster und Nase ;-)
Auch Sämi scheint sich an diesen Gerüchen nicht zu stören. Das stimmt mich glücklich. So verweilen wir noch ein bisschen und gehen dann weiter Richtung Godowlia, wo wir uns ins Getümmel der engen Gassen begeben und noch etwas in den Läden rumschmökern. Als wir beim Vishwanath-Tempel vorbeikommen fragen wir, ob wir als Nicht-Inder (wir sehen leider nicht tora-tora-Hindu aus) diesen auch besuchen könnten. Mit Passport sei das am Gate 2 möglich. Wir nehmen uns das für den morgigen Tag vor, obwohl ich nur meine ID dabei habe und von Sämi gar nichts. Bei Sanjay trinken wir noch einen Tschai. Kurz nachdem wir angekommen sind, macht Sanjay noch seine kleine Shop-Puja mit Räucherstäbchen. Er verteilt den Rauch überall. Auch seine Holzschachtel, welche als Kasse dient, öffnet und beräuchert er, schliesst sie aber gleich wieder, damit der Rauch schön drin bleibt. Da müssen die Geschäfte ja gut laufen! Die Idee aber, dass Sämi passierende, solvent aussehende Kundinnen und Kunden in den Shop locken soll, erweist sich dann aber als erfolglos. Obwohl Sanjay ihm Tipps gibt, wen er ansprechen soll und wen nicht: "No, no, not them. They look to much like hippies, they don't have money. Hippies are not good for business", und wir lachen uns die Bäuche voll. Auf dem Rückweg zu Raju's House klappere ich noch sämtliche Musikläden ab und versuche einen Kapodaster für meine neu erstandene Kiran-Voluntär-Gitarre zu finden. Überall muss ich lang und breit erklären, was das ist. Oft heisst es "yes, yes, have", aber man bringt mir dann entweder eine Elektrogitarre, einen Gitarrenständer, ein Stimmgerät, Gitarrensaiten oder sonst etwas, aber einen Kapodaster scheint hier niemand zu kennen...
Von Sonapur aus nehmen wir dann eine Velo-Ritschka zu Raju's House und ich freue mich immer wieder, wenn die Ritschkafahrer von sich aus den Normaltarif verlangen und nicht unserer weissen Haut wegen das Doppelte verlangen. Nur 20 Rupien will dieser und am Schluss gebe ich ihm gerne noch einen Zehner mehr drauf, den er glücklich und dankend entgegennimmt.

Am nächsten Morgen gehen wir zu Fuss nach Lanka und nehmen dort eine Ritschka zum Durga-Tempel. Der Ritschkafahrer ist ein kleiner, alter Mann, welcher mir mit einem breiten Grinsen einen zu hohen Preis verlangt. Ich grinse zurück und mache mein Angebot, das viel tiefer liegt, da ich weiss, dass es eigentlich nicht so weit ist. Schliesslich einigen wir uns beide grinsend und wissend, dass der Preis immer noch höher als normal ist, aber was soll's, wir mussten alle beide lachen und schliesslich ist bald Weihnacht.
Der Durga-Tempel gefällt uns beiden gut. Wir kaufen wieder etwas Blumen und treten ein. Ein Priester merkt, dass wir einen Moment zögern und nimmt sich unser an. Er ist ganz nett und erklärt uns vieles, was wir eigentlich schon wissen, aber er macht dies mit Scharm und wirkt überhaupt nicht aufdringlich. Am Schluss geben wir ihm ein kleines Trinkgeld und er gibt sich mit dem sofort zufrieden und bedankt sich für unser Interesse. Das war ein positives Erlebnis. Nun wollen wir es aber in den Vishwanath-Tempel versuchen. Nach kurzem Suchen finden wir das Gate no. 2 und fragen, ob das der richtige Eingang für uns Bleichgesichter sei. Das wird bestätigt und sogleich finden wir uns konfrontiert mit einem Priester, der uns auch seinen super Ausweis (wohl den selben, den Claudia und Louis auch schon gesehen haben) zeigt und uns sagt, er könne uns in den Tempel führen, obwohl der eigentlich für Touristen nicht unbedingt zugänglich sind. Wir müssten nicht Hindus sein, sondern einfach die Frage "Do you believe in Hindu gods?" mit "Yes" beantworten. Er sagt uns, wo die Schliessfächer zu finden, die Schuhe zu deponieren, die Opfergaben zu kaufen sind und führt uns an der langen Warteschlange vorbei direkt durch den Eingang. Wir werden von oben bis unten abgetastet und müssen dann zuerst zum Polizeioffizier, um unsere Personalien anzugeben. In eine Art Schulheft muss ich Name, Adresse, Wohnort und Passnummer eintragen. Als ich mit meiner Linkshändertechnik mit Schreiben anfangen will, sagt er mir, ich müsse von links nach rechts schreiben, der meint wohl, ich wolle von oben nach unten schreiben!?! Als ich ihm dann meine ID zeige, meint er natürlich zuerst, dass sei eine Kreditkarte. "You have no passport?" Doch, doch, das sei ein Passport, einfach ein moderner (stimmt ja auch fast, oder?). Und als er dann das Schweizerkreuz sieht, meint er ich sei ein Mitarbeiter des IKRK. Und als er dann nach dem Pass von Sämi fragt, sage ich ihm, dass er mein Sohn sei und keinen Pass brauche und zeige einfach auf irgendeinen Eintrag auf der ID. Auch das glaubt er mir. Sämi muss noch seinen Namen ins "Schulheft" eintragen, ich kriege die ID zurück und wir können weiter. Noch einmal werden wir von oben bis unten abgetastet und treten dann ins Heiligtum ein. Von Heiligtum spüren wir beide eigentlich nichts, es ist ein heilloser Lärm, ein riesen Gedränge und unser Führer muss uns aus nächster Nähe ins Ohr schreien, damit wir ihn verstehen. Schliesslich quetschen wir uns ins Heiligste, um am Lingam unsere Blumen zu opfern. Aber auch dort wird gedrängt und die vielen Gläubigen, welche länger am Lingam verweilen wollen, werden von Tempeldienern ziemlich streng zum Weitergehen gedrängt: "Ayee, ayee, ayee!!". Unser Führer führt uns dann zu einem Priester, der mir ein langes Mantra vorliest, dass ich jeweils wiederhole. In seiner Hand hält er gut sichtbar ein Bündel mit 1000-Rupien-Scheinen und nach dem Ende meint unser lieber Priester, ich müsse jetzt auch eine Spende von 1000 Rupien machen, dass sei dann aber gleich für alle. Das mache ich natürlich nicht, gebe ihm aber eigentlich immer noch viel zu viel. Wir kriegen beide unser Bindi und gehen dann zu einem nächsten Priester, der auch noch schnell ein Mantra spricht, trinken dort eine gelbe Flüssigkeit, welche ich weiss nicht mehr was bewirken soll und kriegen unser zweites Bindi. Auch dieser Priester hat ein Teller voll Geldscheine vor sich, aber unser Führer versichert, dass wir nichts geben müssen (Wenigstens das!). Und dann geht es schon wieder zurück und wir sind beide froh, dass wir aus dem Trubel wieder hinaus kommen. Draussen spricht "unser" Priester dann auch noch ein Mantra für uns und will natürlich auch noch seinen Sold von 500 Rupien, was ich ihm aber nicht gebe. Irgendwie habe ich für den Moment genug Tempel gesehen und nerve mich im Nachhinein, dass ich diesen Typen nicht von Anfang an abgeschoben habe. Was soll's! Vielleicht muss ich nochmals ganz alleine gehen, um etwas von der Spiritualität dieses Tempels zu spüren. Vielleicht ist das aber auch gar nicht nötig.
Draussen in den Gassen findet Sämi dann noch sein ultimativ bestes und schönstes Durga-Bild: Schön gross, gerahmt, hinter Plexiglas und versehen mit bunten Lämpchen und einem richtigen Stromstecker! Natürlich hat es keinen Strom, um das Ding zu testen, aber Sämi gefällt es auch so. Er ist hell begeistert und ich verdrehe wieder einmal die Augen. Wie sollen wir all die Götter in die Schweiz bringen? Und wenn ich daran denke, dass wir erst knapp Halbzeit von unserem Indienaufenthalt haben, was wird sich da noch alles ansammeln?? Aber für einmal will ich nicht so sein und lasse ihn selber entscheiden und auch bezahlen. Sämi strahlt über beide Backen!
Zu Fuss gehen wir an die Ghats und spazieren zum Manikarnika-Ghat, wo wir etwas verweilen und fast das Gleiche wie Claudia und Louis erleben (??). Von dort aus steigen wir die Treppen hoch und verschwinden wieder in den verwinkelten Gassen Varanasis. Wieder kommen wir am Gate 2 vorbei und ich halte Ausschau nach unserem Priester, ich hätte ihm noch etwas zu sagen, von wegen seinem Karma und so, aber natürlich ist er nicht mehr da.
Nach einem feinen Mittagessen im Phulwari machen wir uns zu Fuss wieder auf in die Gassen Godowlias und obwohl wir eigentlich meinten nicht mehr dort vorbei zu kommen, landen wir wieder bei Sanjay. Sämi zeigt ihm sein Durga-Bild und will sofort testen, ob auch die Lämpchen brennen. Stecker rein, Schalter auf "on" und schon knallt und funkt es und das Stromkabel hängt nicht mehr am Bild...!! Meine Güte mussten wir lachen. Das wäre doch noch das Beste gewesen, wenn Sämis Göttin Durga Sanjays Shop abgefackelt hätte!
Auf dem Weg den Ghats entlang Richtung Assi-Ghat treffen wir auf Claudia, Louis und Alice. "Bukh laghi hai!", heisst es und so gehe ich mit den dreien voraus in die Assi-Pizzeria, währenddem Claudia bei Sanjay noch bestellte Kleider abholen geht. Ja, auch das wäre einfacher gegangen, waren wir doch erst gerade dort. Aber es tut gut, auch mal alleine ein paar Schritte machen zu können.
(Rémy)

1 Kommentar:

  1. tief bewegt habe ich gerade den bericht über das erlebte am ganges gelesen und ich finde, das erlebnis passt so wunderbar in unsere christliche weihnachtszeit und regt absolut zum nachdenken an.vielen dank für den tiefgründigen bericht, der auch ein wenig traurig machte jedoch zum schluss ein lächeln erzeugte (expl.von bild durga) herzliche grüsse....rösli

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