Freitag, 19. März 2010

Spontan länger in Hampi

Am Donnerstagmorgen kommen wir in Hampi (früher Vijayanagar), der ehemaligen Hauptstadt des letzten grossen Hindureiches im Süden Indiens an und sind sogleich beeindruckt und befangen von diesem Ort, von seiner Landschaft und von seiner Ausstrahlungskraft. Trotz brütender Hitze machen wir uns nach einem kräftigen Morgenessen auf einen ersten langen Spaziergang.


Eigentlich wollten wir morgen Samstag, 20. März 2010 nach Mysore weiterreisen. Das Zugbillet ist schon gebucht. Wir besuchen aber heute Freitag eine Schweizer Familie, welche etwas abseits von Hampi eine wunderschöne Farm und eine Art Ashram betreibt. Eigentlich wollen wir nur Grüsse von Schweizer Freunden überbringen, welche uns den Tipp gegeben haben, hier mal vorbeizuschauen. Es hat Hunde, Gänse, Kühe, Esel, ein Dromedar usw. und sogar einen kühlen Pool.
Und nach einem schönen, langen und gemütlichen Nachmittag, entscheiden wir uns, morgen hierher zu zügeln und noch ein paar Tage zu bleiben.
Es ist toll, dass wir so frei sind und spontan solche Entscheidungen treffen können. Zurück in Hampi, annullieren wir online noch schnell das Zugbillet. Der Maharaja-Palast in Mysore wird auch eine Woche später, wie jeden Sonntagabend, dank seiner 5000 Glühbirnen wie in "Tausendundeiner Nacht" für uns leuchten.
(Rémy)

Mittwoch, 17. März 2010

AGONDA BEACH UND ABSCHIED VON GOA

Heute sitzen wir ausnahmsweise am Swimmingpool unserer Wohnung, denn wir probieren, die Wohnung möglichst "sandlos" Manzoor zu übergeben. Es soundet aus den Lautsprechern und unsere Kinder "wippen" beim Hausaufgaben machen zur Musik. Sie beeilen sich sogar (welch Wunder!), denn wenn sie fertig sind, dürfen sie ins Wasser.

Wir sind jetzt nur noch wenige Stunden hier, dann fahren wir heute Nacht mit dem "Sleeper-Bus" nach Hampi. Damit wir für diese Busreise gewappnet sind, haben wir gestern und vorgestern das Busfahren noch ausgiebig geprobt. Wir sind mit diversen Bussen in den Süden von Goa gefahren und nach 4.5 Std. (davon 1 Std. im Stau) dann an der schönen Agonda-Beach angekommen. Hier sind die Strände noch viel natürlicher, sprich unverbauter und untouristischer, ganz anders als im Norden. Wir beziehen eine traumhafte Palmenblätter-Hütte, die ca. 30 m vom Meer entfernt liegt. Davor hat es einen Pavillion, bei welchem wir jeweils unsere Mahlzeiten einnehmen und spielen. Es ist einfach t r a u m h a f t hier und wir fühlen uns fast ein bisschen wie im Paradies.


Während wir dem Strand entlang laufen, entscheidet sich Alice, zu Hause vor unserer Hütte zu liegen und zu warten, sie ist müde. Wir finden das toll, wie sie überhaupt nicht Schiss hat, alleine zu sein. Wir sind sicher eine Stunde weg. Louis und Sämi suchen Krebse in den Felsen und am Strand und finden immer wieder interessante Sachen.


Es hat keine grossen, unschönen Bauten hier, überall nur einfache Restaurants mit ihren Hütten zum Übernachten. Toll, dass sich die Einheimischen bis jetzt erfolgreich gegen die grossen Hotelkomplexe wehren konnten. Und Alice? Sie liegt immer noch vor der Hütte. Ich frage sie, ob sie ein bisschen geschlafen habe, was sie verneint. Sie hat sich die ganze Zeit selber Geschichten erzählt, es war ihr überhaupt nicht langweilig...

Haben wir schon mal geschrieben, dass das Meer richtig lauwarm ist? Wir bleiben bis zu einer Stunde im Wasser und kämpfen gegen die Wellen an. Louis freut sich schon extrem, wenn er dann endlich auf einen Fischer-Trip kann und übt schon fleissig Fische fangen mit Sämi. Sie haben auch schon ein eigenes Fischernetz kreiert und ich finde, die Kinder sind auch sonst sehr ideenreich, machen aus wenig viel und geniessen das Meer in vollen Zügen.
Hier hätten wir es schon noch eine Weile ausgehalten, aber unser Ziel ist ja Kerala, und unser Gefühl sagt uns, dass es dort auch nicht "ohne" ist...
Manzoor und Isabelle nochmals ganz herzlichen Dank für das Gastrecht in eurer Wohnung – Bohot, bohot thanyavad!
(Claudia)

So, während ich diese Zeilen nun schreibe, sitzen oder liegen wir schon im Sleeper-Bus nach Hampi und geniessen den Fahrtwind. Okay, ein Super-Luxus-Bus ist es natürlich nicht, dafür war der Preis Super-Deluxe (= hoch). Für die neunstündige Fahrt nach Hampi zahlen wir mehr als von Varanasi nach Kathmandu. Aber wenn ich mich an die erste Nacht in Sonauli erinnere, oder an diejenige im Zug von Bophal nach Goa, dann bin ich ganz zufrieden hier in diesem Kabäuschen. Mal schauen, zu wieviel Schlaf es dann noch reicht. Ich freue mich sehr, dass wir jetzt weiter reisen und "wieder zurück nach Indien" kommen.

Vor einer Woche (mittwochs) waren wir übrigens noch in Anjuna am "legendären" Hippie-Flohmarkt. Es war zwar noch witzig, der Markt war aber weder "hippie", noch "Floh". Er lebt einfach noch von seinem Namen aus früheren Zeiten. Am Samstag darauf besuchen wir mit Isabel "Ingo's Saturday-Nite-Market". Wie der Name erraten lässt, hat vor x-Jahren ein Deutscher diesen Markt ins Leben gerufen. Inzwischen ist es ein Riesen-Ding geworden und es geht zu und her wie am Märetfescht in Solothurn. Es ist alles durchorganisiert, von den Parkplätzen bis zu den elektronischen Eingangskontrollen. Es hat unzählige Marktstände, die ganz schön an einem Hang liegen. Es sind wohl etwa die gleichen hier, wie mittwochs in Anjuna. Nebst den Einheimischen, hat es auch noch viele in Goa "hängengebliebene" Westler, die ganz extravagant gestylt rumlaufen - moderne Hippies halt – und ihre Ware zu sehr hohen Preisen anbieten und scheinbar nicht bereit sind, über den Preis zu feilschen. Da will doch einer für eine halblange Hose 2200 Rupien!!! Klar, die Inder setzen hier ihre Preise auch sehr hoch an, lassen aber immerhin mit sich handeln. Sämi handelt eine schöne Mütze von 850 auf 200 Rupien runter. Und ein Sari für Alice, der zuerst für einen "very special cheap price for you Madame" von 1250 Rupien zu haben ist, kostet dann am Schluss noch 400 Rupien. Die Verkäuferin begreift nicht, dass "Madam" (Claudia) ihn nicht kauft. Vor allem begreift sie die Begründung nicht: Alice will lieber einen roten, anstatt einen orangen. Das heisst, die gute Frau begreift nicht, dass ein Kind darüber entscheiden kann, welche Farbe seine Kleidung haben soll. Andere Länder, andere Sitten! Der Sari bleibt an der Stange hängen. Damit man/frau nicht verhungert, hat es einen riesigen Food-Corner, bei dem wirklich fast alles zu haben ist. Und das Bier und auch härtere Stoffe fliessen hier ziemlich locker. Es hat übrigens neben vielen Engländern auch sehr viele Russen, die hier ihre Rubel loswerden wollen. So läuft das Geschäft wie geschmiert. Zur Unterhaltung gibt es auf der Freiluftbühne ein wirklich gutes Rockkonzert. Aber im Plastikstuhl sitzend, in der einen Hand eine Cola haltend, die andere im Rhythmus das Knie tätschelnd, frage ich mich zwischendurch schon, wo in aller Welt ich jetzt eigentlich bin und in welchem Film ich mich befinde? Trotzdem finde ich es gut, haben wir das alles hier gesehen. Wahrscheinlich ist es einfach so, dass es zum Beispiel für Engländer billiger kommt, nach Goa zu fliegen und dort vor Ort verhältnismässig günstig Ferien zu machen, als nach Italien oder Frankreich zu reisen, wo die Preise vielerorts schon so hoch oder noch höher sind als zu Hause.

So, dem Compi geht langsam "dr Pfuus us", denn unser Superbus hat zwar eine Kabinenlampe, aber leider keinen Stromanschluss. Okay, das mit der Kabinenlampe ist etwas geblufft, die geht natürlich nicht..
(Rémy)

Montag, 8. März 2010

Ankunft in Goa

Um 18.30 h, mit nur 20 Minuten Verspätung (und das nach einer 22-stündigen Zugfahrt in Indien!!!) kommen wir am Bahnhof Thivim an. Ausserhalb des Bahnhofes wartet schon ein Taxifahrer auf uns, der uns nach Candolim Beach fährt. Für unsere (Varanasi)-Verhältnisse hat es kaum Verkehr und die Fahrgeschwindigkeit ist um einiges höher, als bisher im letzten halben Jahr gewohnt. Trotzdem sind wir etwa eine halbe Stunde unterwegs, bis wir am Ziel sind. Der Taxifahrer wollte uns übrigens schon am Morgen um 6 h am Bahnhof abholen und ich weiss jetzt, wer mich frühmorgens um diese Zeit anrufen wollte. Ich dachte, das sei wieder einer dieser Werbeanrufe gewesen. Es ist tröstlich, dass sich die Inder untereinander auch mal falsch verstehen. Am Ziel angekommen, auf unseren Freund Manzoor wartend, macht uns der Fahrer darauf aufmerksam, dass wir nicht unter den Palmen stehen sollen, da schon mal eine Kokosnuss runterfallen könne. Nach kurzer Wartezeit kommt Manzoor und bringt uns in seine Wohnung, wo seine Frau Isabelle auch schon auf uns wartet. Wir dürfen hier in einer 3-Zimmer-Wohnung residieren, welche sehr europäisch eingerichtet ist. Sie haben sie erst kürzlich von Engländern abgekauft. Manzoor ist von November bis Mai immer hier in Goa und unterstützt seine Familie in ihrem Schmuck-Business. Den Rest des Jahres ist er dann in der Schweiz, wo er ebenfalls mit Schmuck handelt. Seine Frau Isabelle ist jetzt für einen Monat hier. Beide wohnen bei Manzoor's Familie. Ja, die Wohnung sieht wirklich nicht indisch aus. Aber auch das restliche Goa hat nicht viel mit dem Indien zu tun, welches wir bis jetzt kennen gelernt haben. Auf den Strassen sind mehr Weisse zu sehen als Inder und die Strassen sind gesäumt von Touristen-Shops im gehoberen Stil. Irgendwie sind wir in einem ganz anderen Film gelandet. Aber eben, Indien ist ein sehr vielfältiges Land und wir werden wohl noch einige Male überrascht sein. Manzoor und Isabelle gehen dann später wieder, da Manzoor noch arbeiten muss (das Geschäft ist bis etwa um Mitternacht offen) und wir machen uns mit Taschenlampen ausgerüstet noch auf ans Meer. Nach nur etwa 5 Minuten stehen wir am Strand, unsere Füsse im warmen Arabischen Meer, im Indischen Ozean! Eine Strandbeiz ist noch offen und wir trinken noch etwas, Louis verdrückt noch einen Teller Spaghetti und ich ein Alu Paratha. Wir sind vorerst die einzigen Gäste und wie uns John, der Besitzer erklärt, hat es damit zu tun, dass im Moment "Dry Days" sind, "trockene Tage". Das heisst, es sind Wahlen und deshalb darf von Samstag bis Dienstag kein Alkohol verkauft werden, weder in Restaurants noch in Shops. Was das bringen soll??? Wir nehmen es gelassen, da wir hier in Indien ja auf dem No-Alkohol-Trip sind. Obwohl... jetzt im Korbstuhl am Strand sitzend ins nächtliche Meer blickend, dem Rauschen des Wellengangs lauschend ein Bi...Bi...Bitter Lemon. Nein, ich nehme doch ein Cola. John von der Strandbeiz staunt nicht schlecht und ist ganz begeistert, als er hört, dass wir seit letzten August in Indien sind und vor allem in Varanasi lebten. Die Kinder freuts, sie kriegen gratis ein Eis. Inzwischen sind noch andere Gäste gekommen, halt so richtige Touris und wir fühlen uns irgendwie fehl am Platz, obwohl wir ja jetzt auch Touristen sind. Im Kiran fühlten wir uns als Teil der Familie und auch in Varanasi fühlte ich mich nicht mehr eigentlich als Tourist. Und hier laufen wir jetzt plötzlich halbnackt rum, was heissen will in Shorts und in Trägershirts und finden es anfänglich ganz komisch.

Anderntags schlafen wir laaaange aus. Die Kinder schauen etwas in die Glotze - ja auch das haben wir hier (so ein Pech!) – während Claudia und ich das Morgenessen einkaufen gehen. Im Shop ist der Alkoholstand mit Tüchern abgedeckt, sonst kriegt man wirklich alles hier.
Im Kiran haben wir die Brotscheiben jeweils mit der flachen Chappati-"Pfanne" auf dem Gasherd geröstet, hier werfen wir die Scheiben einfach in den Toaster. Wir geniessen das Frühstück, dann heisst es für die Kinder eine Stunde "homework" machen und anschliessend gehen wir mit Isabelle an den Strand. Es hat im Schatten von Bananenblätter-Sonnenschirmen liegende Liegebetten, die jeweils zu einer kleinen Strandbeiz gehören. Die Liegeplätze sind gratis, aber es wird erwartet, dass man in "seiner" Beiz etwas konsumiert. Alles wird aufgeschrieben und man zahlt einfach beim Verlassen des Strandes. Das ist ganz praktisch und die Leute hier sind alle sehr nett. Es hat ziemlich viel Wind und das Meer tost. Kein Vergleich mit Sardinien. Doch es soll nicht immer so sein, seit drei Tagen habe es so viel Wind. Wir geniessen es in vollen Zügen – das Meer meine ich, die vollen Züge sind hinter uns und vergessen.
(Rémy)

Samstag, 6. März 2010

4 x Abschied vom Kiran – Zugreise nach Goa

Am Dienstag, 2. März 2010 beginnt unsere Kiran-Abschiedstour. Zum letzten Mal essen wir am Abend im Girlshostel. Vor dem Essen singen uns die Girls ein wunderschönes, berührendes Abschiedslied. Auch ihnen fällt es sehr schwer, dass wir nun endgültig das Kiran verlassen werden.
Nandhini hält noch eine kleine Dankesrede auf Hindi, welche die Tränendrüsen beider Seiten strapaziert und für alle gibt es einen Blumenstrauss, wie wir ihn bei unserer Begrüssung im August erhalten haben. Das war doch eben erst kürzlich... Es ist wirklich schwierig, den Gedanken ertragen zu können, hier weg zu gehen und all diese uns so sehr ans Herz gewachsenen Menschen zurücklassen zu müssen. Ein Trost für uns ist es zu wissen, dass sie hier im Kiran gefördert werden und gut aufgehoben sind. Trotzdem, es ist nicht einfach.

Auf unseren Wunsch hin, gibt es Puri und Sabji und es schmeckt vorzüglich. Zum Dessert gibt es eine Art Milchreis. Trotz dem Kummer schlagen wir uns die Bäuche voll, bis wir fast platzen. Nach dem Essen gehen wir nicht gerade in unser Guesthouse, sondern noch ein bisschen ins Zimmer von Pooja, welche heute ihren 19. Geburtstag hat, Nandhini und Deepu. Immer wieder heisst es: "Please don't go!" "Why do you go?" "Will you come back?" oder "No going, no going!" von denen, die nicht so gut Englisch können. Wir sagen, dass wir hoffen, wieder einmal zu kommen. Wahrscheinlich aber dann nicht mehr als Familie, weil das zu kompliziert und auch zu teuer ist. Sämi und Louis wollen dann einmal anstatt Militärdienst, Zivildienst hier im Kiran machen. Tatsächlich ist man nämlich daran, dass bereits ab diesem Herbst möglich zu machen.

Nachdem die Kinder zu Bett gegangen sind, setzen wir uns noch an unsere Compis. Es gibt noch soo viel zu tun und abzuschliessen. Erst nach zwölf Uhr schaffe ich es schliesslich ins Bett.

Der Mittwoch ist dann wieder geprägt von Abschlussarbeiten, die Zeit wird langsam eng. Um 15.30 h werden wir dann noch vom Staff und von den Trainees verabschiedet. Auch hier gibt es Lieder, schöne Worte, Geschenke und Tränen. Rahul, mein Trainee, hält eine rührende Abschiedsrede auf Hindi. Wir verstehen kaum ein Wort, aber trotzdem kommt die Message rüber. Er hat sich voll im Griff, obwohl wir alle wissen, wie schwer für ihn solche Situationen sind. Er ist ohne Familie, hat mit seinen ein- oder zweiundzwanzig Jahren schon eine schwere Lebensgeschichte und wird immer wieder getrennt von Menschen, die ihm ans Herz wachsen. "That's life!!", pflegt er jeweils zu sagen, so wie man's ihm erklärt hat. "That's life, that's life", ein schwacher Versuch sich zu trösten. Auch für uns ist es "That's life", aber wir gehen nach unserem Indien-Aufenthalt zurück in unsere gewohnte Umgebung, in unser Zuhause, zu unseren Familien. Aber Rahul und alle anderen werden immer wieder verlassen und bleiben zurück...
Vielleicht hat sich Rahul heute auch darum so gut im Griff: er hat nämlich Geburtstag! Rahul ist ein sehr sensibler junger Mensch, der oft unter Stimmungsschwankungen leidet. Wenn er aber wieder mal mit dem Schicksal hadert oder "am sich beschwerden" ist, reicht meist schon ein kleines Lob, sein Gesicht erhellt sich und sein typisches Rahul-Grinsen macht sich breit. Und die Vorfreude auf seine "Geburtstagsparty" kann eine so schwierige Situation wie das Abschiednehmen etwas auffangen. Eigentlich werden die Geburtstage der Kirankinder neu nur noch einmal im Jahr, gemeinsam für alle gefeiert, nämlich am Independence-Day. Doch Rahul's Geburi feiern wir trotzdem, denn er hat ja keine Familie, die das mit ihm feiert.
Zuerst erkläre ich aber Sibylle und der Volontärin Christine noch wie der Solartrockner funktioniert und was alles noch angepasst werden muss. Sibylle wird sich darum kümmern und ich bin überzeugt, dass der Trocker gute Dienste leisten wird.

Am Abend im Boyshostel kommt uns Rahul schon in neuen Kleidern entgegen und strahlt über beide Backen. Zusammen mit Hum Bahadur, dem Mann der neuen Boyshostel-Verantwortlichen, durfte er die Kleider in die Stadt einkaufen gehen. Als erstes, was typisch für Indien ist, kommt die Geburtstagstorte, die Rahul als Geburtstagskind eigenhändig den Erwachsenen verfüttert.
Die Kids kriegen anschliessend natürlichen auch noch ihren Teil der Torte ab. Danach geht es ans Geschenke auspacken und Rahuls Wünsche werden von Sibylle und Reenu erfüllt. Ein neues Hemd, eine Krawatte und eine Sonnenbrille. Er sieht aus wie ein Filmstar!
Von uns kriegt er auch noch einiges an Kleidern von Sämi, da wir diese nicht mehr mit in die Schweiz zurücknehmen. Auch für die kleineren Jungs lassen wir noch ein paar Säcke Kleider da.

Zum Znacht gibt es zur Feier des Tages auch hier Puri. Und dazu ein leckeres Kartoffel-Sabji. Schliesslich überreichen uns die Jungs, welche wirklich zum Knuddeln sind, auch noch Blumensträusse.
Ja, und dann gehen wir auch von hier weg. Der Abschied ist nicht ganz so sentimental, da wir zu den Jungs nicht die gleich intensive Beziehung hatten, wie mit den Girls, die ja praktisch neben unserer Haustüre wohnen (siehe auch http://www.ischis.ch/india/kiranmap.htm).
Meinen letzten Abend im Kiran verbringe ich wieder am Compi, wo ich die obenerwähnte Website soweit möglich noch fertig mache. Es wird nach ein Uhr, bis ich endlich aus dem Büro rauskomme. Claudia ist zu Hause am Packen und kommt auch erst kurz vor mir ins Bett.

Donnerstag, 4. März 2010 – unser letzter Tag im KIRAN. Zum letzten Mal um 09.00 h im Prayer. "Ao jalee" wird gesungen und die Kehle schnürt sich ein erstes Mal fest zu. Nach den letzten fünf Gongschlägen, wird zum letzten Mal "Sarvalok amangalam" intoniert und mit einem sonoren "Om shanti – shanti – shanti" abgeschlossen. Ja, und dann müssen wir als Familie auf die Bühne, wo wir, ein viertes Mal nun, von der versammelten Schülerschar verabschiedet werden.
Es gibt Dankesworte und nochmals ein Geschenk. Die Vorsinggruppe stimmt nochmals das Abschiedslied an, welches wir im Girlshostel schon gehört haben. Ich kann keinem Kind wirklich in die Augen schauen und klammere mich an Louis.
Es ist ein schöner, aber natürlich auch sehr schwieriger Moment.

Nach dem Prayer erkläre ich Vinod so quasi in letzter Minute noch, wie er mit der Excel-Tabelle, welche ich für ihn erstellt habe, umzugehen hat. Eigentlich wollte ich ihn das doch unter meiner Anleitung selber machen lassen. Aber eben, die Zeit war schlussendlich zu knapp. Und in letzter Sekunde erkläre ich Santosh noch, wie er die Kiranmap-Website anpassen kann. Auch eigentlich viel zu spät und zu knapp...
Ein letztes Mal checke ich noch online den Status unserer Zugreservationen. Von Varanasi bis Bhopal ist alles okay. Für die 22-stündige Weiterreise von Bophal nach Goa sind wir immer noch auf der Warteliste, auf den Positionen 3-7.

Plötzlich geht alles ganz schnell, der Jeep steht schon hinter dem Haus, noch schnell den einen oder anderen "Phir Milenge" sagen, einige sind aber wie vom Erdboden verschwunden... Schön, dass Satish noch schnell ans Gate kommt, uns fehlen beiden für einen Moment die Worte. Er sagt noch, wie glücklich er sei, dass die ursprünglichen Bedenken, eine ganze Familie als Volontäre aufzunehmen, sich in Luft aufgelöst haben. Und dann geht es los, Richtung Varanasi Junction, wo wir um etwa 16 Uhr den Zug besteigen. Goodbye KIRAN!

Unsere Plätze sind anfangs im Wagen noch ziemlich verstreut. Aber nach ein paar Verhandlungen mit flexiblen Indern, sind wir schliesslich alle mehr oder weniger beieinander und haben alle einen eigenen Liegeplatz. Alice, Sämi und Claudia haben sich schon schlafen gelegt. Louis und ich warten noch den Halt in Allahabad ab, weil wir denken, dass sie erst danach mit dem Essen vorbeikommen. Als wir dann nachfragen, stellt sich heraus, dass es keine Verpflegung im Zug gibt. Wir nehmens gelassen, Louis verdrückt noch ein Käsebrot und dann gehen auch wir in die Pfanne. Nachts erwache ich oft und bin in Gedanken immer wieder im KIRAN.

Freitagmorgen, 5. März 2010: Recht pünktlich kommen wir in Bhopal um etwa 8.30 h an. "Bhopal" – da kommt mir unweigerlich die riesige Giftgas-Katastrophe vom 3. Dezember 1984 in den Sinn - das "Hiroshima" Indiens, dem Zehntausende zu Opfer fielen. Was ist von einer Stadt, welche eine solche Katastrophe erleben musste zu erwarten? Laut Reiseführer bietet Bhopal glaube ich auch nicht allzuviel. Als erstes stellen wir unser Gepäck ein, weil wir müssen ja erst abends um acht Uhr wieder auf den Zug, sofern wir überhaupt einsteigen dürfen. Anschliessend geht es darum, herauszufinden, welchen Status unsere Reservation hat. Nach einigem Rumfragen finden wir den richtigen Schalter. Wir sind immer noch auf der Warteliste, und zwar unverändert auf den selben Positionen. Das würde bedeuten, dass wir den Zug gar nicht besteigen dürften. Man sagt uns, wir sollen um etwa 17 h wieder vorbeikommen, dann sollte die definitive Passagierliste schon fertiggestellt sein. Okay, wir sind zuversichtlich und überlegen uns, wie wir den Tag hier in Bhopal verbringen wollen. In unserem "Indien-der Süden"-Reiseführer ist Bhopal nicht erwähnt, da es eben im nördlichen Teil Indiens liegt. Und das Touristen-Informations-Büro am Bahnhof will einfach nicht aufmachen. Schliesslich finden wir heraus, dass heute in Bhopal ein Feiertag ist. Draussen sind uns schon ein paar rotgefärbte Holi-Typen begegnet, aber Holi war doch am 1. März und wir haben uns gedacht, die hatten wohl keine Seife zur Hand. Nun, ein Beamter am Schalter empfiehlt uns einen Ort, der nur 4 Stunden von Bhopal entfernt liege!!! Also darauf haben wir natürlich keine Lust und wir müssen ja auch rechtzeitig wieder zurück sein. Schliesslich macht er den Vorschlag, uns einen Ritschkafahrer zu organisieren, der uns in die Stadt bringen könnte, denn wir sind inzwischen schon ziemlich hungrig. Kurz darauf kommt er mit einem und meint es koste 500 Rupien. "How much???", ich denke der will uns veräppeln, aber es stellt sich dann heraus, wie Claudia richtig vermutet, dass er uns den ganzen Tag in der Stadt rumfährt und uns das Wichtigste zeigen wird. Aha, das tönt super und schon sitzen wir in einer superschönen Auto-Ritschka.
Wir geniessen den erfrischenden Fahrtwind, denn es ist schon ziemlich drückend und der Hunger verfliegt vorerst mal. Auf den Strassen ist nicht viel los und es scheint, dass praktisch alles geschlossen ist, was sich später auch bestätigt. Als Erstes schauen wir uns eine riesige, schöne Moschee an.
Und je länger wir in Bhopal unterwegs sind, desto mehr sind wir von der Stadt beeindruckt. Alles ist sehr sauber, es hat zwei Seen und teilweise könnte man meinen, man sei im Tessin an einer Seepromenade.
Doch leider ist wirklich alles geschlossen. Hier wird tatsächlich vier Tage nach Holi nochmals Holi gefeiert. Schade, so verkürzt sich unsere Stadttour natürlich um einiges. Alle Restaurants, die wir anfahren sind geschlossen und so essen wir halt in einem Hotel, welches direkt am See liegt.
Anschliessend ist unser sympathischer Ritschkafahrer schon bald am Ende mit seinem Latein.
Moscheen zu, Tempel zu, Aquarium zu usw.

So hängen wir noch etwas in einem Park rum und staunen nicht schlecht, als wir unten in einem der Seen eine Riesenschildkröte sichten.


Um etwa 3 Uhr fahren wir dann wieder zurück zum Bahnhof und vertrödeln uns die Zeit mit Kartenspiel und Brändi-Dog. Nach fünf Uhr sind wir wieder am Schalter. Situation unverändert. Wir sollen um sechs Uhr wieder kommen...

Um sechs Uhr sind wir in der Liste nachgerückt: Einen Liegeplatz haben wir auf sicher, die anderen sind auf der Warteliste die Nummern 1-4. Wie man uns informiert, ist der Zug völlig ausgebucht, wir dürfen aber mit dieser einen Platzzusicherung in den Zug einsteigen und müssen dann mit dem Wagenverantwortlichen schauen, ob es irgendwo noch freie Plätze hat. Aber, hat es nicht! Immerhin haben wir einen Liegeplatz unten und nicht oben. In unserem Abteil hat es auf zwei weiteren Plätzen ein Ehepaar mit zweijährigen Zwillingen und über uns noch ein weiterer Inder. Und wir sind zu fünft auf einer Bank. Eine Ausweichmöglichkeit, wie zum Beispiel im Gang stehen und zum Fenster hinausschauen oder so gibt es nicht, denn dort hat es ebenfalls Liegeplätze. Da wir bereits im Bahnhof gegessen haben, können wir es uns ersparen, in dieser engen Lage noch Essen zu müssen. So versuchen wir uns bestmöglich zu fünft einzurichten, aber schon nach kurzer Zeit schmerzt der Hintern, denn wir können uns kaum bewegen und sitzen so immer auf der gleichen Stelle. Wir kriegen eine kleine Vorahnung davon, wie es für all diejenigen ist, welche an einen Rollstuhl gefesselt sind. So warten wir geduldig, bis das Ehepaar endlich seine Kleinen gefüttert, gewickelt und ins Bett gebracht hat. Da sie sich damit nicht unbedingt einfach tun, dauert das so seine Weile... Endlich sind alle in der Pfanne, Alice und Claudia breiten die Wolldecke auf dem Boden aus und legen sich dort schlafen. Samuel kauert sich wie eine Schnecke zusammengerollt ans Fenster und Louis und ich quetschen uns aneinander, damit keiner runterfällt und mein Kopf liegt auf Sämis Hintern. Ich bin mal gespannt, wie lange er das aushält? Nach etwa einer Stunde sagt er, dass er nicht schlafen könne. "Das wundert mich nicht", sage ich und opfere meinen Platz für ihn. So kuscheln sich Sämi und Louis aneinander, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte und ich versuche mich auf dem verbleibenden Plätzchen sitzend ans Schlafen zu machen. Om Shanti! Jetzt ist Meditieren angesagt und zwar so, dass ich meinen Körper möglichst nicht mehr spüre, vor allem den Hintern nicht, den Rücken nicht, den Nacken nicht... es gelingt mir nicht wirklich. Ich rede mir ein, dass, wenn ich mit der Situation ein Problem habe, das einfach nur an mir liegt, wie ich es im Buddhisten-Kloster Kopan gelesen habe:
Every time a problem arises, the essentiel thing is to immediately become aware that the problem becomes from our selfish mind, that it is created by self cherishing thoughts. As long as you put the blame outside yourself there can be no happiness. (Lama Zopa Rinpoche)
Ich wechsle immer wieder die Stellung, mal im Schneidersitz, dann beide Beine nach unten, dann ein Bein angezogen, mal die Hand aufgestützt, mal die Hand oben am Gestänge haltend, mal vornüber den Kopf auf den Knien, mal die linke Arschbacke mehr belastend, mal die rechte mehr belastend, mal einen Fuss von Sämi auf der Schoss, mal einen in den Rippen, mal fällt mein Kopf nach vorne, mal zur Seite usw. usw. Immer im Bewusstsein, dass ich schuld daran bin, wenn ich mit dieser Situation ein Problem habe. Irgendeinmal nach etlichen Wachphasen und Albträumen, wird es dann schliesslich doch noch Morgen und nach fünf Uhr werden sogar ein paar Plätze frei. Allah! Gottseidank! Om nama Shivai! Om mani padme hum!
Die restlichen 14 Stunden Zugfahrt können wir sogar zusammen in einem Abteil verbringen und die Strapazen der vergangenen Nacht sind vergessen. Strapazen? Was für Strapazen? Wahrscheinlich hatte ich nur kurz ein Problem mit mir selber...
(Rémy)

Dienstag, 2. März 2010

Der Solar-Früchtetrockner funktioniert

Kurz vor unserer Abreise haben wir es doch noch geschafft. Die solar betriebene Lebensmitteldörranlage ist funktionstüchtig und die ersten Bananen-Chips schmecken vorzüglich.


Kleine Anpassungen sind zwar noch nötig. So scheint mir die Plastikplane etwas sehr dünn und ich weiss auch nicht, ob sie auf längere Zeit der intensiven UV-Strahlung standhält. Wahrscheinlich ist es das Beste, hier eine Plastikplane aus der Schweiz mitzubringen. Hier in Indien gibt es zu einem solchen Produkt keine näheren Informationen wie etwa UV-beständig oder so. Man weiss einfach: das ist ein Stück Plastik. Für das Solar-Panel muss noch ein portabler Ständer geschweisst werden. Das habe ich mit Antu schon besprochen und ich hoffe, das wird bald realisiert sein.

Für alle Technikinteressierten hier die eigentlich ganz simple Funktionsweise:

Wie man sieht, ist die Tischoberfläche zweifarbig.

Die schwarze Fläche dient zum Aufheizen durch das Sonnenlicht und auf der weissen Fläche, auf Gitter, kommt das Dörrgut zu liegen.

Die warme Luft, welche auf der schwarzen Seite entsteht, wird mit dem Ventilator über und unter das Dörrgut geblasen.

Die Plastikplane wirkt wie ein Treibhaus und sorgt dafür, dass die Wärme nicht wieder nach oben verschwindet.

Alles klar?

Gerne hätte ich jetzt natürlich die Versuchsphase gestartet und verschiedenste Lebensmittel getestet. Das müssen halt jetzt die anderen hier übernehmen. Wichtig wäre einfach, dass die Resultate wie Dicke des Dörrgutes, Dauer des Dörrvorganges, Aussentemperatur etc. festgehalten werden. Ich bin mal zuversichtlich, dass das klappen wird. Und in drei-vier Monaten werde ich dann kurz vor unserer Rückreise in die Schweiz noch einen letzten Augenschein nehmen.
(Rémy)

Montag, 1. März 2010

Happy Holi

Nachdem sich die Schweizer an der Fasnacht den Hintern abgefroren haben, feiern wir Holi und begrüssen dabei den Frühling bei über 30 Grad! Es hat Spass gemacht!
(Rémy)